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Sozial

Tanne in der Hängematte

Tanne in der Hängematte

 

Ist es möglich, im Kopf die Wurzel aus 157326849 zu ziehen? In London traf sich vergangene Woche die Elite der Hirnakrobaten zur diesjährigen Gedächtnisolympiade.

Wenn Günther Karsten Spaß haben will, füllt er sein Hirn mit Datenschrott. Wahlweise lernt der Patentübersetzer aus München endlose Zahlenkolonnen auswendig. Dann wieder prägt er sich schwierige Gedichtzeilen der Art „Sechs konvexe Raumschirme, / Schwarz / in Schwarz / halten und mischen / die Zeit für mich“ ein. Oder aber er betrachtet die Passbilder unbekannter Menschen, denen er Phantasienamen wie „Annie Littlejohn“ oder „Alice Xuereb“ zuordnet.

Manchmal verstehen die Leute nicht, was mir daran Spaß macht“, klagt Karsten. In der vergangenen Woche jedoch war der 38-jährige endlich wieder einmal unter Gleichgesinnten. Der dreifache Meister der Gedächtniskünstler gehört zu den Stars einer weltweit eingeschworenen Gemeinde von Denksportlern, die sich für zehn Tage im Londoner Stadtteil Wood Green zur vierten „Mind Sports Olympiad“ versammelten.

Als „riesiges, mentales Fitnesstreffen“ beschreibt Tony Buzan, Mitbegründer der Schlaumeier-Olympiade und internationaler Gedächtnisguru, die kollektive Hirnmarter, die in diesem Jahr so viele Olympioniken wie nie zuvor in den Norden Londons lockte. Mehr als 4000 Gedächtnis-Athleten trafen sich im altehrwürdigen Alexandra Palace, einem Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert.

In 45 Disziplinen – von Schach und Domino über Gedächtnistests bis hin zu Kreuzworträtseln und Kopfrechnen – maßen sich die Superhirne und legten dabei Leistungen vor, die geistig durchschnittlich bemittelte Zeitgenossen nur in blasses Erstaunen versetzen. Für die diesjährigen Höhepunkte der Kopflastigkeit sorgten:

-      der Brite Robert Tountain, Sieger im Kopfrechnen, der unter anderem fehlerfrei die Wurzel aus 157326849 (12543) zog und keine Mühe hatte die Anzahl der Stunden vom 12. März bis zum 28. Oktober 1960 richtig zu bestimmen (5544);

-      der Chinese Liao Xingwen, 6, der beim Strategie-Wettkampf Go die anwesende Jugend-Weltelite chancenlos ließ und jüngster Goldmedaillist aller Zeiten wurde – obwohl er mit dem Brettspiel erst vor gut einem Jahr bekanntschaft gemacht hatte;

-      die Britin Anne Jones, die in der Disziplin Geschwindigkeitslesen ein 110 Seiten starkes Buch in 17 Minuten und drei Sekunden verschlang (und folglich für die Lektüre der gesamten Bibel nur knapp vier Stunden benötigen würde);

-      der Ire Dominic O’Brien, dem es unter anderem gelang, 962 Spielkarten innerhalb einer Stunde und 316 Ziffern in nur fünf Minuten in einer vorgegebenen Reihenfolge auswendig zu lernen. O’Brien ist ein Veteran des organisierten Denksports und sicherte sich mit seiner Ausnahmeleistung in London bereits zum siebten Mal den Titel in der Gedächtnis-Disziplin. Nicht müde wird der 43-Jährige zu versichern, dass nicht Talent, sondern allein hartes Training zum Denk-Erfolg führt.

„Das Gehirn ist ein wie ein Muskel – wenn man es trainiert, wird es stärker“, sagt O’Brien, der einst durch mehrere Schulprüfungen sauste, heute dagegen zahlreiche Kasinos in England nicht mehr betreten darf, weil er sich beim Black Jack zu viele Karten merken kann. „Als ich zum ersten Mal die richtigen Techniken anwendete und Fortschritte bemerkte, war ich fast geschockt, dass ich mein Denkvermögen tatsächlich verbessern konnte“, erinnert sich das Superhirn.

Inzwischen hat O’Brien durch jahrelanges Training die Vergesslichkeit als überflüssigsten Bestandteil des menschlichen Daseins fast vollständig aus seinem Leben verbannt. Im Rahmen der Denksport-Olympiade traf er sich mit 20 weiteren Athleten zur zehnten Gedächtnis-Weltmeisterschaft, bei der es unter anderem galt, in kürzester Zeit gemischte Kartenspiele gleich stapelweise auswendig zu lernen und sich sinnlos aneinander gereihte Wörter wie „Kollage“, „Nagelhaut“ oder „Gestrandeter“ einzuprägen.

Der Ablauf der Veranstaltung hat den Charme einer Nachsitzstunde. Wie die Pennäler beim Lateintest sitzen sitzen die Kopf-Athleten an weit auseinander stehenden Tischen und lauschen etwa beim „Spoken number“-Wettbewerb einer weichen Frauenstimme vom Band, die im Zwei-Sekunden-Takt beliebige Ziffern von null bis neun vorliest.

Dabei knistert die Luft förmlich vor Konzentration. Mal durchbohren die Schlauberger mit leerem Blick die Wände. Dann wieder verfallen sie plötzlich in denksportbedingte Übersprungshandlungen: Pobacken rutschen ruckartig auf Stühlen hin und her. Füsse scharren nervös auf dem Boden. Sinnlos mahlende Zähne befördern Bleistifte gleich massenhaft ins Schreibgerät-Nirvana.

Kaum zu glauben ist angesichts der staubtrocken anmutenden Paukerei, dass sich im Kopf der Athleten ganze Traumreisen abspielen, die nach Aussagen der mentalen Spitzenkräfte vor Details nur so so Strotzen. Denn nicht brutales Büffeln führt zum Erfolg, sondern der gezielte Einsatz der ganzen Palette menschlicher Vorstellungskraft.

„Im Prinzip gilt es, Information in gut vorstellbare Bilder und Geschichten umzuwandeln“, erläutert Günther Karsten. Vor allem zwei Techniken wendet der Hirn-Athlet an, um dem Vergessen ein Schnippchen zu schlagen. So ist es Karsten erstens durch tägliches Üben gelungen, jede Zahl zwischen 1 und 99 mit einem Begriff zu belegen, den er gleichsam reflexartig mit der jeweiligen Zahl assoziiert. Zweitens hat der Denksportler auf verschiedenen Urlaubsreisen bislang insgesamt 2200 „Routenpunkte“ für spätere Gedächtnis-Spaziergänge gesammelt.

Ausflüge nach Teneriffa, Amerika und Jamaika arbeitet Karsten ab, wenn er sich beispielsweise eine Zahlenkolonne merken will. Jeweils zwei Ziffern der Zahlenreihe wandelt er in einen begriff um. Diesen legt er dann auf einem seiner Routenpunkte ab. So wird etwa die Zahl 12 zur „Tanne“, die mental beispielsweise auf der Hängematte am Strand in Jamaika zu liegen kommt. Will sich Karsten später an die 12 erinnern, fährt er blitzschnell im Geiste nochmal nach Jamaika und holt die Tanne wieder aus der Hängematte.

Mit dieser trickreichen Methode ist es dem deutschen gedächtnis-Guru in der vergangenen Woche beispielsweise gelungen, insgesamt 400 nacheinander vorgelesene Ziffern im Kopf zu behalten – neuer Weltrekord. Bunte Jonglierbälle, Bananen und Magnesiumtabletten stimmten den Athleten vor der Disziplin auf die überdurchschnittliche Hirnleistung ein. Mit Hilfe einer Lichtimpulse aussendenden Spezialbrille versetzte Karsten sein Denkorgan zudem in einen 2ausbalancierten“ und damit angeblich leistungsfähigeren Zustand. Der Lohn der Konzentration: Insgesamt konnte der Deutsche den dritten Platz in der Gesamtwertung einheimsen.

„Wer sich um sein Gehirn kümmert, wird sehen, wie es aufblüht“, kommentiert Wettbewerbsinitiator Tony Buzan. Die britische Gedächtnis-Koryphäe, Autor mehrerer Dutzend Bücher zum Thema, schwärmt von den Vorzügen der Gehirnabrobatik. Höhere Intelligenz, bessere Vorstellungskraft und gesteigertes Denkvermögen verspricht er all jenen, die künftig ihrem Hirn mehr Zuwendung schenken wollen.

„Die meisten Menschen werden in ihrer Kindheit darauf trainiert, zu glauben, dass sie nicht gut lernen können“, sagt Buzan. Der Denksportmeister will all jenen Mut machen, die ihrem Gehirn bislang eher siebartigen Charakter zubilligten: „Ich kenne niemanden, der nicht lernen möchte, wenn er erst mal bemerkt hat, wie einfach das sein kann.“

Die Kapazität der grauen Zellen hält Buzan dabei selbst bei den Hochleistungsköpfen der Gedächtnismeisterschaft noch nicht für ausgereizt. „Wir benutzen nur zwei Prozent unserer tatsächlichen Hirnleistung“, glaubt der Denk-Guru. Verhaltenen Fragen nach dem Sinn und Unsinn der „Memorierung“ von Datenmüll weist Buzan brüsk zurück: „Denksport ist absolut vergleichbar mit Sportarten wie Rudern oder Fußball – und da fragt doch auch niemand, warum es wichtig ist, einen Ball in ein Netz zu schießen.“

Welche bizarren Blüten der Hirnsport indes treiben kann, ließ in London der Wettbewerb im kreativen Denken erahnen. Dort wurden die phantasievollen Teilnehmer unter anderem dazu angehalten, sich in kurzer Zeit möglichst viele Vor- und Nachteile eines fiktiven, durch den Genuss von genmodifiziertem Getreide ausgelösten, weltweiten Fußnägelverlustes auszudenken.

In typisch britischer Liebe zum besonders skurrilen Detail beurteilten die Kopf-Athleten zunächst den Wegfall der Eiweißaufnahme beim Nagelkauen als Nachteil. Strittig blieb, ob der Nagelverlust den Genuss beim zehensaugen vermindere.

Den mit den meisten Punkten bewerteten Einfall brachte schließlich der Brite Bruce Birchall zu Papier. Zwar beklagte Birchall zunächst den zwangsläufigen Niedergang des Berufsstandes der Fußnägelpfleger. Die, so das Kreativ-Genie weiter, hätten dann aber endlich Zeit, „statt Fußnägeln Nasenhaare zu stutzen“.

 

Autor: Philip Bethge

 

Veröffentlicht in: Der Spiegel 35/2000, S. 233ff.

 

 

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